Vom Brettspiel zum Trend

Christian Franke • 25. August 2026

Vom Brettspiel zum Trend

Von Bernd Kaufholz - Ströbecker Spieler haben sich zum Lebendschach aufgestellt.foto: SchachVerein Ströbeck


M ats Thomas ist stolz, denn kürzlich wurde er zum „Offizier“ geschlagen. Was bedeutet, dass er beim Lebendschach vom Bauern zum Springer befördert wurde. Seitdem darf der Elfjährige auf dem schwarz-weißen Groß-Brett mit einem Steckenpferd in den Händen auf zwei Felder geradeaus oder zur Seite springen und dann ein weiteres Feld im rechten Winkel betreten.


Mats gehört zu den Kindern und Jugendlichen, die im Halberstädter Ortsteil Ströbeck die schwarzen und weißen Figuren bewegen. In dem kleinen Harzort, der Tradition im königlichen Spiel hat wie kaum ein anderer in Deutschland. Und in dem Schach in der Grundschule Pflichtfach ist, für das es Noten gibt.


Tiefpunkt: Museumsbrand

Schach erlebt in Deutschland einen Boom. Und auch in Sachsen-Anhalt interessieren sich immer mehr Menschen für das Brettspiel. Das bestätigt Gert Kleint, Vizepräsident des Landesschachverbands Sachsen-Anhalt. „Zwischen Arendsee und Zeitz verzeichnen Vereine einen starken Ansturm. Aber im Gegensatz zu anderen Bundesländern gibt es mit Blick auf Vereinsaufnahmen bei uns noch keine Wartelisten.“ Der 73-Jährige räumt allerdings ein, dass es „Engpässe bei Übungsleitern gibt. Wir kommen mit der Ausbildung von Schachlehrern kaum nach.“


Wie es ums Schachspielen in Sachsen-Anhalt bestellt ist, hat erst vor wenigen Tagen die Auszeichnung der „Magdeburger Schachzwerge“ – dem mit mehr als 800 Mitgliedern größten Schachverein Deutschlands – gezeigt, mit dem hoch angesehenen „Tartakower-Preis“ durch die Emanuel-Lasker-Gesellschaft, deren Namensgeber Weltmeister von 1894 bis 1921 war.


Fragt man Frank Wilke, der seit 25 Jahren im Ströbecker Verein Schach spielt und seit 18 Jahren Vorsitzender ist, was der Tiefpunkt im Vereinsleben war, muss er nicht lange überlegen. „Das war ohne Zweifel der 14. November 2019, als es im 2006 eröffneten Schachmuseum bei Sanierungsarbeiten zum Dachstuhlbrand kam, der das Gebäude zerstörte.“


Glück im Unglück: „Dank des schnellen Einsatzes der Feuerwehren konnten fast alle der rund 6.000 Exponate gerettet werden.“ Viele seien jedoch durch Rauch und Löschwasser beschädigt worden.

Ortsbürgermeister Jens Müller (Wählervereinigung BürgerInnen für Schachdorf Ströbeck) steht auf einer kleinen Aussichtsplattform neben dem Bürgerhaus, das nach umfassender Sanierung kurz vor der Wiedereröffnung steht. Er zeigt auf eine freie Fläche ein paar Meter tiefer. Mit Farbe aufgezeichnet sind die Räume, die zum geplanten Anbau gehören: „Museumsausstellung, Schaudepot, Saal.“ „2029 – zehn Jahre nach dem Brand – soll das neue Gebäude stehen“, blickt Müller voraus. Dann kommen die Exponate wieder zurück nach Ströbeck, um die sich in der Zwischenzeit das Städtische Museum Halberstadt gemeinsam mit der Stadtverwaltung gekümmert haben.“


Um das Neubauprojekt umzusetzen, sind die Ströbecker vor wenigen Tagen ein Stück weitergekommen „Wir hatten mit Wirtschaftsstaatssekretärin Stefanie Pötzsch ein gutes Gespräch“, so Ortsbürgermeister Müller. „Mit Blick auf die beantragten Fördermittel sind wir optimistisch.“

Ist das neue Museum eingeweiht, wird auch das wichtigste Ausstellungsstück wieder in Ströbeck zu sehen sein, freut sich Vereinschef Wilke: das Geschenkschachbrett des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) aus dem Jahr 1651.


Und Wilke erzählt die Geschichte: „Der Kurfürst besuchte auf einer Reise das Dorf. Er trat dort nach alter Tradition auf dem Dorfanger zu einer Schachpartie gegen die Bauern an, zeigte sich von deren Spielkunst tief beeindruckt und schenkte der Gemeinde als Anerkennung das kostbare, mit Elfenbein eingelegte Schach- und Kurierspiel.“ Für alle Nichtschachler: Letzteres ist eine historische Variante aus dem Mittelalter. Es wird auf einem breiten Brett mit zwölf mal acht Feldern gespielt. Neben den bekannten Figuren gibt es neue Steine wie den namengebenden „Kurier“, der wie ein moderner Läufer zieht, sowie den „Weisen“ und den „Schrieber“.


Verbandsvize Kleint bringt die Faszination des Spiels auf den Punkt: „Schach bringt Menschen zusammen – unabhängig vom Alter, von Nationalität und Herkunftskultur.“

Und er wird konkret: „Großeltern lernen inzwischen Schach, um mit ihren Enkeln zu spielen. Schach kennt keine Sprachbarrieren“ Der Hallenser nennt als Beispiel: „In den zurückliegenden Jahren sind auch Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund in unsere Vereine eingetreten.“

Schach sei zudem der einzige Sport, bei dem Behinderungen einen fairen Vergleich nicht einschränken. „Menschen mit Handicap beteiligen sich an Turnieren, die offen für alle sind.“


Der Ströbecker Verein nimmt am Ligabetrieb des Schachbezirks Magdeburg teil. Die erste Mannschaft spielt in der Bezirksliga Süd Magdeburg, während eine weitere Vertretung in der Bezirksklasse antritt. „Außerdem sind wir mit unserem Lebendschach bei vielen Veranstaltungen dabei“, so Wilke. Und im Vergleich mit den Tiefpunkten des Vereins fallen ihm auf der Erfolgsseite gleich mehrere Dinge ein. „Zum Beispiel die gute Zusammenarbeit mit der Grundschule, die Auszeichnung ,Verein des Jahres’ (2020) und das Hauptevent in Ströbeck, das traditionelle Internationale Ströbecker Mannschaftsturnier, das eingebettet in das jährliche Schachfest stattfindet.“


Mehr Online-Schach

Begünstigt werde der Schach-Boom unter anderem durch Schachprogramme zum Beispiel auf Smartphones, weiß Gert Kleint. „Während der Corona-Zeit haben sich Schachinteressierte dem Online-Schach zugewandt. Und besonders Menschen, die aus der Ukraine oder dem Nahen Osten zu uns gekommen sind, wo es eine ausgeprägte Schachkultur gibt, haben die Vereine gestärkt.“ Die Erkenntnis, dass Schach zum einen Kulturgut geworden ist, setze sich immer mehr durch. „Zum Beispiel durch die Netflix-Serie ,Das Damengambit’. Zum anderen Bildungsgut – Schach in Kindergärten und Schulen – sowie Erlebnisgut – durch Urlaubsreisen mit Schach.“

Jana Thomas ist in Ströbeck die Lebendschach-Mutti, das sie gemeinsam mit Maren Jacob leitet. Sie sagt: „Die erste Lebendschachpartie in Ströbeck, die überliefert ist, fand 1908 zum 4. Schachkongress im Gasthaus ,Zum Schachspiel’ statt.“


Die aktuellen Kostüme für 32 Figuren des normalen Schachs und 48 für das Kurierspiel fertigen die Ströbecker selbst an. Modedesignerin Carmen Willke ist für die Kostüme verantwortlich. Die Ströbeckerin recherchierte die historischen Kostüme, entwarf sie, setzte sie um und betreute das Ströbecker Schneiderteam.


Für den elfjährigen Mats ist es keine Frage, in der Schach-AG die Figuren zu setzen. „Es ist mein Hobby“, sagt er. „Mal in der Liga zu spielen“, kann er sich zumindest gegenwärtig aber nicht vorstellen.


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